Guten Tag, heute schon Kartoffeln geschält?
Immer wieder erreicht uns Musik von Bands, die uns schreiben, dass sie mit ihrer Musik dem schrecklichen Alltag entfliehen und versprechen, dass aus der Wucht dieser Flucht ein völlig neuer und individueller Sound entstehe.
Dabei fiel mir der französische Film "Die Kinder des Monsier Mathieu" ein. Er handelt von einem kleinen Mann, der an sich "schwierige" Kinder mit viel Musikalität und Einfühlungsvermögen zu begeistern versteht. Der Film erzählt von der Tristesse perspektivloser Kriegswaisen und findet vom kargen Schwarzweiß allmählich hin zu praller Farbigkeit.
Im Koffer hat Monsieur Mathieu jede Menge ungehörter, selbst komponierter Musik, die bis dato nie ein Publikum gefunden hatte. Vom strengen Schuldirektor beauftragt, auf jede ungezogene Aktion mit autoritärer Reaktion zu antworten, kommt er auf die Idee, mit den Kindern zu singen, bis fast alle ob dieses pädagogischen Kunstgriffs, von einem geheimnisvollen Rhythmus ergriffen werden.
Mozart, Beethoven, Mahler usw. fesselten zu einer Zeit, in der die audiotiven Geschmacksverstärker wie Bass und Schlagzeug noch nicht Standard waren, um Lieder auf Schienen zu transportieren. Die Sensibilatoren für gute Harmonien lebten von der Dramaturgie und Melodie welche einen durch ganze Ouvertüren zogen.
Eine gewagte These? Aber nein. Und auch nicht das Aus für das präsente "Schlagwerk". Dennoch, es lohnt sich einmal nachzudenken über die maßlosen Übertreibungen, bei den sich gegenseitig zu übertrumpfen suchenden Sinnesreizen. Die bunten Kinder der 3a verfallen den 3D-Animationen schriller Spiele, später dem glasklaren Digitalklang und der hundertprozentigen Statistik der Sportschau. Die Sucht nach dem Superlativ und totaler Kontrolle verbietet das Grau, und die nüchterne Klarheit vergittert die Illusion.
In dem wir uns der totalen Perfektion klaglos ergeben, verlieren wir jeden Tag etwas, das uns vordem als dermaßen selbstverständlich und alltäglich erschien, dass wir es mit Unaufmerksamkeit straften.
Dabei hat der allzu oft zu Unrecht verschmähte Alltag einen kostbaren Schatz an Rhythmus und Melodie zu bieten, der mit ein wenig Aufmerksamkeit leicht zu heben ist. Wie wär's also, wenn wir uns instinktiv so analogen Fertigkeiten wie zum Beispiel dem Kartoffelschälen hingeben und vielleicht bleiben wir auch mal wo wir zuhause sind, und halten uns aus.
Oma konnte das doch auch noch und hatte, ganz in ihrer Tätigkeit versunken, mit sich selbst genug. Vielleicht war sie ja im "Flow", wie man Neudeutsch sagt.
Stefan / Haldern Pop
Kein Freitag ohne MontagEin Freund erzählte die Geschichte von den Leuten, die in Bildern, und denen, die in Zahlen denken. Eine polare Situation wie Mann und Frau, Träumer und Realist, Architekt und Maurer. Andere reden von den Fleißigen und den Kreativen, von den Spezialisten ihrer jeweiligen Gattung. Dieses Spalten von Sachverhalten mit zwei Polen scheint ein "chemisch-gesellschaftlicher Prozess" einer sich immer weiter differenzierenden Welt zu sein. Andererseits: Hätte nicht John ohne Paul den Bus verpasst? Und was tat Ringo in den Sechzigern? Hypothetische Fragen von Leuten, denen das Atom wesentlicher erscheint als das Molekül, Fachleute eben. Die wollen den Sommer ohne den Winter, auf den Gipfel, aber nicht durch das Tal. Indes, wir wissen um die Abhängigkeiten.
Vielleicht ist dies hier eine Ode an das Alltägliche, das Unscheinbare - vielleicht sogar das Unsichtbare. Aber wir vertrauen uns gerne dem Ganzheitlichen an, denn ein Jeder kommt darin vor. Ein gutes Festival ist eben Mannschaftssport und vom Besucher bis zum Künstler, vom Journalisten bis Sponsorpartner sollten alle gemeinsam das Gefühl genießen "ein Teil des Ganzen zu sein".
Eine These und das ganze Geheimnis ...
"Man fand heraus, daß sich die Harmonie und Ästhetik des Freiburger Münsters in dem bis ins kleinste Detail aufgelösten "Goldenen Schnitt" begründet. Der Ergonomie abgerungen und fixiert, steht der "Goldene Schnitt" für die optimale Verhältnismäßigkeit aller beteiligten Formen und ihrer Größen zueinander.
Bereits die alten Griechen verwandten diese gestalterische Rezeptur und auch Dürer und da Vinci arbeiteten, unabhängig voneinander, nach der ästhetischen Formel einer natürlichen Schönheit.
Übertragen wir diesen Gedanken aus der Kunst auf das alltägliche
Zusammenspiel funktionierender Gemeinschaften, so ist die Fähigkeit
des Einzelnen kein festes Maß, vielmehr eine zu alle beteiligten
Personen in Abhängigkeit stehende Größe.
Ein Teil des Ganzen zu sein und das besondere des anderen zu respektieren
führt zu der gewinnbringenden Formel eines funktionierenden
Projekts.
Alle Konzepte bleiben graue Theorie, und werden erst dann mit Leben
erfüllt, wenn ein harmonisch proportionales Miteinander das
gemeinsam erfasste Ziel als Basis bezeichnet."
Das Bratkartoffelgleichnis oder: Die Lust am kleinen Genuß
Der kleine Glück lauert vor allem dort, wo wir uns die Zeit nehmen, es zu erleben. Man pflanze also eine Kartoffel, gieße und pflege sie bis zur gänzlichen Reife. Wenn das Laub welkt grabe man die Knollen aus, koche oder brate sie und jeder schmeckt das Erlebnis. Minimalismus pur: Pellkartoffel salzen und mit einem Stich Butter essen!!!
Wer keine Zeit hat, reißt eine bunte Tüte auf, schüttet
den Inhalt in die Friteuse und zieht sich das Zeug zwischen Tür
und Angel rein.
Solche "zeitsparenden" Sichtweisen mögen sich zwar
machen dafür schon beim Machen Spaß - mit dem entsprechenden
Finale.
Oder: wenn ich ein Klavier klaue, dann kann ich es nicht von der
Steuer absetzen. Wenn ich es mir aber verdiene, prägt mich
schon die Entwicklung von der Idee bis zum Besitz des Instruments
auf meinem Weg zum Klaviervirtuosen.
Kurzum, wir in Haldern glauben, daß bereits der Weg einer
Entscheidung bis zum angestrebten Ziel als ganzer Prozess zu begreifen
ist. Und weil für uns die leckeren Sachen so oft, so lange
und so hoch oben auf dem Küchenschrank lagen, mussten wir erst
wachsen, um dran zu kommen. Dafür waren sie dann um so leckerer.
Deshalb: auch wenn der schnelle, leicht verfügbare Kick durchaus
seinen Reiz hat, sollten wir nie das Klavier oder die Kartoffel
aus den Augen verlieren.
Qualität hat eben auch viel mit Zeit zu tun. Deshalb will
Haldern nicht nur Euer Geld, sondern vielmehr auch eine Spanne Eurer
Zeit, sprich "gespannte" Aufmerksamkeit. Weil überzeugte
Haldernfreunde das begriffen haben, ist es genau diesem Publikum
zu verdanken, dass sich immer mehr Musiker aus aller Welt für
dieses Festival interessieren, weil sie gehört haben, dass
man sich hier Zeit für sie und ihre Kunst nimmt.
Haldern will ein Forum für gute Musik und puristische Lebensqualität
sein und hofft auch in diesem Jahr wieder den einen oder anderen
unter Euch positiv überraschen zu können. Danke.Schnell
geht einem Langsam auf die Nerven.
Raum 3

